1968


Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkriegdie rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende Studenten gingen seit den späten 1960er Jahren auf die Straße – und unter der Chiffre "68" in die Geschichtsbücher ein. Bis heute sorgen die Ereignisse dieser Zeit für Kontroversen: War sie notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft? Oder ist die 68er-Generation für Werteverlust, Kindermangel und Bildungsnotstand verantwortlich?

Anhand der fünf Themenfelder Medien, Bildung, Internationalismus, Lebensgefühl und Frauenbewegung soll die Vielgestaltigkeit der Erinnerung an 1968 im Blick der Zeitgenossen verdeutlicht werden. Die ausgewählten Themen und Texte beleuchten dabei jeweils einzelne ausgewählte Aspekte einer umfassenden soziokulturellen Umwälzung. Gerade die Mischung aus Videointerviews, Dokumentensammlung und historischer Deutung soll den Schülerinnen und Schülern unterschiedliche Interpretationsweisen und die Widersprüche dieser Zeit näher bringen, ohne dabei auf Deutungen und Bewertungen zu verzichten.

Dabei war die einheitliche Chiffre „1968“ eine Fiktion, denn die Studentenrevolte war vieles zugleich: politische Rebellion, Bildungshunger, Kulturrevolte, Ausdruck soziokultureller Liberalisierungen, Autoritätskritik, globale Revolutionsphantasmagorie, politischer Radikalismus, Dogmatismus und Gewaltfixierung. Wenn man auf die Entwicklungen außerhalb Deutschlands und des globalen Westens schaut, wird das Bild noch bunter, denn die osteuropäischen Laboratorien für die Reform eines Dritten Weges oder die antikolonialen Aufstandsversuche in der Phase der Dekolonisierung der sechziger Jahre sind noch einmal ganz anders gelagert als die Vorgänge in den westlichen Industrienationen und in Japan.

Diese Ambivalenzen sind heute klarer zu sehen als noch vor 20 oder 30 Jahren, weil die historische Erinnerung an "1968" stärker politisiert war, als das heute der Fall ist. Erst mit der Distanz des*r Historikers*in wird die Mischung aus Hedonismus, Ironie und Provokation einerseits und dogmatischem Puritanismus deutlicher. 1968 changierte zwischen progressiven und regressiven Bestrebungen, zwischen antiautoritären und autoritären Mustern, zwischen Individualisierung und Gemeinschaftsbindung, zwischen schwärmerischem Kosmopolitismus und provinziellem Lokalpatriotismus, zwischen Zärtlichkeit im Umgang miteinander und militantem Revolutionsgehabe, zwischen Volkstümelei und elitärem Selbstverständnis.

Für weiterführende und ergänzende Hinweise zu diesem Thema möchten wir auch auf die Unterlagen der Bundeszentrale für politische Bildung verweisen, die sich unter http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung finden.



Projektverantwortliche: Juniorprofessorin Dr. Christiane Bertram, Prof. Dr. Sven Reichardt (Universität Konstanz)

Studentische Mitarbeit: Norman Bühr, Manuel Fricke, Philipp Kirchenmaier, Bianca Nunnenmacher, Nicole Peter, Johanna Puth, Werner Ritzschel, Clara Schmitz, Daniel Schröder

Für die Endredaktion gründlich überarbeitet von Johanna Puth und Clara Schmitz